– Galerie Susanne Kulli Bern

Daniel Salzmann – Summer Diary – Galerie Susanne Kulli, Bern 1995

Eine zeitlich beschränkte, einmalige Arbeitssituation steht hinter der Ausstellung Summer Diary von Daniel Salzmann. Der seit 1993 in Biel lebende und arbeitende Künstler hatte die Gelegenheit, im Zentrum von Biel für ein paar Monate eine grosse, ausserordentlich helle Fabrikhalle zu mieten, und entschloss sich, die begrenzte Zeitspanne mit einer geschlossenen Arbeit gewissermassen zu ‘dokumentieren’. Der Aspekt des Tagebuchs ist indes nicht in wörtlichem, literarischem Sinn zu verstehen, sondern spielt allenfalls assoziativ mit der romantischen Praxis, äussere Eindrücke und innere Stimmungen wahzunehmen und aufzuzeichnen.

In zwei grundsätzlich selbständigen Werkgruppen reflektiert Daniel Salzmann den Ateliersommer 1995. Eine Reihe kleinformatiger Bilder enthält die thematische und künstlerische Idee der ganzen Arbeit im Kern. Sie sind in verschiedenen Techniken (Bleistift, Kohle, Pastell, Acryl, Collage) gearbeitet und zeigen Gegenstände, die der unmittelbaren, in keiner Weise artifiziell gestellten Alltäglichkeit des neuen Arbeitsorts und dessen Umgebung entstammen: Gefässe, Gemüse, Blüten, Zeitungsausschnitte, Dachsilhouetten, Autos, Einladungskarten usw. In ihrer kleinteiligen, erzählerischen Bildsprache erweckt diese ‘peinture de marché’ entfernt den Eindruck eines Tagebuchs, einer Serie Bilder, die jeden Tag ein bestimmtes Objekt, einen Ausblick oder eine Stimmung festhalten. Auf den ersten Blick erscheinen die Bilder in zufälliger, loser Verbindung zu stehen; bei näherer Betrachtung zeigt sich aber klar ein konsequentes formales Konzept. Zunächst springt die Entwicklung von Hell zu Dunkel ins Auge. In den ersten Bildern dominiert die mit Kohle oder schwarzem Stift gezeichnete Linie gegenüber der hellen Leinwand und den aufgeklebten Papieren. Es folgt eine Zone mit farbigen Bildern, in welchen die Zeichnung weitgehend zurückgenommen ist zugunsten malerischer Flecken und Tonwerte. Gegen Ende der Reihe setzen sich ein dunkles Blau, Schwarz und Grau immer stärker durch: die nahezu monochromen Bilder tendieren trotz des kleinen Formats zu Monumentalität; die Zeichnung erscheint wieder, diesmal jedoch als feines, weisses, in die feuchte Farbe geritztes Liniengeflecht.

Mit der zweiten Werkgruppe – vier grossen einzelnen Acrylbildern und einem Diptychon – knüpft Daniel Salzmann an die kleinen Formate an, unterdrückt aber durch den Verzicht auf anekdotische Elemente deren narrativen Charakter und verdichtet Sommereindrücke zu rein malerischen, gestisch-expressiven Landschafts-Tableaux. Die bereits in den Tagebuch-Bildern immer wieder aufblitzende Farbe Gelb wird hier in reicher Schattierung von hellem, gleissendem Neapelgelb bis hin zu Orange- und Sienabraun zur Protagonistin: die Gegenständlichkeit und konkrete Räumlichkeit von am Anfang der Bildidee stehenden realen Situationen wie sonnenbeschienene Flecken Erde aus ockerfarbigem Jura-Mergel im Wechsel von Tageszeit und Witterung ist völlig reduziert und gestiegert zu abstrakten Farbräumen von geballter Energie und Wärme. Eine dunkelblaue, nächtlich-kühle Seeszenerien evozierende Leinwand spannt – wiederum analog zur formalen Entwicklung der kleinen Bilder – den Bogen zum anderen Ende der Farb- und Stimmungsskala.

In Summer diary zeigt Daniel Salzmann Impressionen des Ateliersommers 1995, einmal vor dem vergänglichen Hintergrund alltäglicher Umstände und Zufälle, sozusagen im Rhythmus des Minutenanzeigers; einmal in Form malerisch stark verarbeiteter Stimmungslandschaften im Spiegel des langsamen Wechsels von Tages- und Jahreszeit.

Katrin Künzi

 

Publicités